Montag, 18. April 2016

Rezension: "Mein bester letzter Sommer" von Anne Freytag



Autor: Anne Freytag
Titel: Mein bester letzter Sommer
Verlag: Heyne Verlag
Format: Gebunden
Seitenzahl: 368
Preis: 14,99€
Bewertung: 5 von 5 Sternen

Um was geht es?
Tessa hat immer gewartet – auf den perfekten Moment, den perfekten Jungen, den perfekten Kuss. Weil sie dachte, dass sie noch Zeit hat. Doch dann erfährt das 17-jährige Mädchen, dass es bald sterben muss. Tessa ist fassungslos, wütend, verzweifelt – bis sie Oskar trifft. Einen Jungen, der hinter ihre Fassade zu blicken vermag, der keine Angst vor ihrem Geheimnis hat, der ihr immer zur Seite steht. Er überrascht sie mit einem großartigen Plan. Und schafft es so, Tessa einen perfekten Sommer zu schenken. Einen Sommer, in dem Zeit keine Rolle spielt und Gefühle alles sind …

Meine Meinung: 
Puh. Ich musste nach dem Buch erst mal tief durchatmen. Ich bin froh, dass ich unmittelbar danach eine gute Nachricht erhalten habe, sonst säß ich jetzt vermutlich immer noch heulend und grübelnd hier.

Tessa ist schwer krank. Sie hat ein Loch im Herzen und oft große Schmerzen. Sie weiß, dass sie nur noch ein paar Wochen hat. Oskar ist körperlich gesund, aber auch er hat ein Loch im Herzen, aufgrund anderer Umstände. Tessa und Oskar sehen sich das erste Mal in der Bahn und Tessa kann nicht aufhören an ihn zu denken. Und eines Tages sehen sie sich plötzlich wieder und machen die Reise ihres Lebens. In vielerlei Hinsicht.

Zum einen hat mich dieses Buch sehr berührt, weil ich mich in den letzten Jahren viel mit dem Tod auseinandersetzen musste. Sowohl erwartet, als auch unerwartet. Mit und ohne Zeit, sich zu verabschieden. Tessa kann sich verabschieden. Von ihrem Leben, ihrer Familie und Oskar. Bis sie Oskar wiedersieht, grübelt sie viel darüber nach, ob sie gelebt oder "nur geatmet" hat. Denn sie war immer perfekt. Hat das gemacht, was man von ihr erwartet hat, aber eigentlich hat sie ihr Leben nie voll ausgekostet. Sie dachte, sie hätte Zeit.
Man fängt gleich zu Anfang selbst an zu grübeln, ob man aus seinem bisherigen Leben etwas gemacht hat. Wenn man plötzlich sterben würde, hätte man zumindest einige seiner Ziele erreicht? Würde man glücklich sterben? Man stellt sich solche Fragen und würde am liebsten sofort aufspringen und so viele Dinge wie möglich erleben. Man weiß schließlich nie, wann es zu Ende geht.

Man bekommt einen guten Einblick in Tessas Familienleben und wie sich die Krankheit und der bevorstehende Tod auf die Familie auswirkt. Tessa hat eine jüngere Schwester, und beide denken, dass sie den anderen nicht ausstehen können. Warum sie das nur denken und was der eigentliche Hintergrund ist, verrate ich nicht. Man macht sich auch Gedanken darüber, wie grausam es für eine Mutter sein muss, ihrem Kind beim Sterben zuzusehen. Als Tessas Mutter sagt, dass sie jederzeit für sie sterben würde, hatte ich sofort Pipi in den Augen. Denn ich glaube, das ist das, was jede Mutter denkt. Meine Cousine ist im Alter von 33 gestorben. Ich kann mir nun immerhin annähernd vorstellen, was in meiner Tante vorgegangen sein muss. Oder immer noch vorgeht. 

Einen Satz, den Tessa zu Oskar gesagt hat, hat mich sehr berührt. "Ich suche einen Freund zum Sterben." Ich fand es einfach so traurig und gleichzeitig so wunderschön, dass Oskar für Tessa da sein will.

Oskar ist ein ganz wunderbarer, starker und zugleich so zerbrechlicher Mensch. Er hat früher schon eine wichtige Person in seinem Leben verloren und nun nimmt er trotzdem die Last auf sich, Tessa, die ihm wirklich viel bedeutet, beim Sterben zuzusehen. Aber eigentlich sieht er ihr erst einmal dabei zu, wie sie anfängt zu leben. Denn mit ihm blüht sie auf. 

Gegen Ende kann man in einigen Kapiteln in Oskars Kopf gucken, denn sie sind aus seiner Sicht geschrieben. Gerade diese Kapitel fand ich sehr berührend. Denn erst da merkt man, wie sehr ihn diese Sache auffrisst. Aber er tut alles für Tessa. Er gibt sich ihr mit Leib und Seele hin, in dem Wissen, dass er nicht lange von ihr haben wird. Ich finde, jeder sollte seinen Oskar kennenlernen dürfen, bevor er stirbt. Ein Glück, dass ich meinen bereits gefunden habe.


Ich habe Rotz und Wasser geheult. Gerade auf den letzten 100 Seiten. Die Tränen waren wegen der einen Szene noch nicht ganz getrocknet, da liefen sie schon wieder wegen einer anderen. Unheimlich tiefgründig und gefühlvoll geschrieben. Und vor allem authentisch, denn die Kapitel aus Tessas Sicht sind auch im Stil einer 17-Jährigen geschrieben und die von Oskar aus der eines 19-Jährigen. Ich finde, die Charaktermerkmale wurden bei beiden gut hervorgehoben. Auch die Lebenserfahrung der beiden hat sich im Sprachstil wiedergefunden.

Was ich auch sehr schön finde, ist, dass viele Szenen mit passender Musik verbunden werden. Die ganze "Playlist" kann man am Ende des Buches einsehen. Ich habe die Musik bewusst nicht dabei gehört, weil sie für mich vermutlich alles nur noch intensiver gemacht hätte, und es war wirklich schon intensiv genug.

Ich finde, dieses Buch ist wirklich kein leichter Stoff. Es ist wunderschön, aber es nagt auch an einem. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so laut geschluchzt habe beim Lesen. Vielleicht geht es nochmal tiefer, wenn man selber Erfahrungen in der Richtung gemacht hat und einem plötzlich Personen aus dem Leben gerissen wurden, von denen man sich nicht verabschieden konnte. Vielleicht ist es aber auch einfach so gut geschrieben, dass es auch Menschen mit weniger unschönen Erfahrungen wunderbar nachvollziehen können.

Wenn ihr gute Nerven habt, kann ich euch dieses Buch nur ans Herz legen. Und wenn nicht, dann trotzdem. Aber legt euch ein paar Taschentücher zurecht und vielleicht jemanden, der euch anschließend in die Arme nimmt und sagt, dass alles gut ist.

Ich wünsche euch einen wunderschönen Montagabend!

Eure Lisa

Kommentare:

  1. Super beschrieben ��

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  2. Das kannst du mir mal ausleihen.

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  3. Ohje, ich glaube, ich bin wirklich die einzige Person, der dieses Buch nicht so gut gefallen hat. Mir ist "Teekar" während des Lesens auch echt ans Herz gewachsen und am Ende musste ich auch total weinen. Aber mir ist das Buch nicht tief genug gegangen. Das Thema ist ja, wie du auch sagst, wirklich kein leichter Stoff und hätte so viel mehr Vorlage gegeben, sich mit Themen wie Tod, Verlust, Schuld und Trauer etc auseinanderzusetzen. Und das ist mir größtenteils zu sehr an der Oberfläche geblieben.
    Also falls dich meine Meinung zum Buch auch interessiert, würde ich mich freuen, wenn du mal bei mir vorbeischaust. :)
    LG, Julia

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    1. Liebe Julia,

      ich denke, dass du irgendwo Recht hast. Aber ich glaube, es ging einfach mehr darum, zu zeigen, dass Lebenslust da ist, egal wie schlimm die Situation ist, wenn man nur die richtigen Gründe hat und sich auf das Leben einlässt. Und ich finde, das ist gut rübergekommen. Aber das ist ja auch alles immer Geschmackssache :)

      Gerne schaue ich auch mal bei dir vorbei! :)

      Liebe Grüße,
      Lisa

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